Presseaussendung 24.6.2019

Breite Allianz sieht Sexualpädagogik an Schulen gefährdet

Wien (OTS) – „Kinder und Jugendliche brauchen externe Sexualpädagogik von professionellen AnbieterInnen, die nach wissenschaftlichen, nicht ideologischen Kriterien geschlechtersensibel Wissen zu selbstbestimmter Sexualität, Beziehung, Körperlichkeit und sexueller Gesundheit (etwa Verhütung) vermitteln und einen nichtdiskriminierenden wertschätzenden Zugang zu diesen Themen bieten“, heißt es in einem Statement der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit. Sie zählt über 100 Mitglieder, darunter zahlreiche kirchennahe Vereine sowie die Berufsverbände von Psychologie, Psychotherapie und Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Antworten auf ‚peinliche‘ Fragen 

„Jugendliche sind dankbar für Workshops, in denen sie völlig frei über ihre ganz intimen Fragen mit ExpertInnen sprechen können. Vielleicht auch gerade deshalb, weil sie danach wieder weg sind. So fällt es leichter, auch ansonsten ‚peinliche‘ Themen anzusprechen. Professionelle und ernsthafte Sexualpädagogik begleitet Kinder und Jugendliche in ihrer psychosexuellen Entwicklung – externe ExpertInnen sind dabei ein Baustein von vielen, ein wichtiger“, so Elke Prochazka, Projektleitung der SeXtalks 2.0 und langjährige Psychologin bei Rat auf Draht.

„Qualitätsvolle Sexualpädagogik sieht eine Zusammenarbeit zwischen Eltern, Lehrpersonen und externen Fachkräften vor, welche von Schulen hinzugezogen werden können und Fachexpertise mitbringen. In Sexualpädagogik-Workshops bekommen Kinder und Jugendlichen altersgemäße Antworten auf ihre Fragen – ohne Leistungsdruck in einem sicheren Rahmen“, so Ines Pazdera, Obfrau der Plattform Sexuelle Bildung.

Knapp 10.000 Unterschriften erreichte die Petition #redmadrüber in wenigen Tagen, zahlreiche ExpertInnen melden sich in Videostatements zu Wort.

Bundesweites Statement

Rückfragen & Kontakt:

plattform@sexuellebildung.at, 068184238958

Presseaussendung 19.6.2019

Sexualpädagogik: Experten warnen vor de-facto-Abschaffung

Experten sehen Kinderschutz und Missbrauchsprävention durch ÖVP-FPÖ-Antrag gefährdet. Folgen wären mehr Teenager-Schwangerschaften und sexuell übertragbare Infektionen

Salzburg (OTS) – „Wir sind hochbesorgt um die psychosoziale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen und ob der Schulautonomie. Warum wird Lehrerinnen die Wahlmöglichkeit genommen? Sollte der Antrag durchgehen, gibt es keine externen Fachkräfte an Schulen mehr. Ein fundamentaler Rückschritt in der Prävention von sexualisierter Gewalt, ungewollten Schwangerschaften und sexuell übertragbaren Infektionen“, warnt Gabriele Rothuber, Geschäftsführerin der Fachstelle Selbstbewusst. 

Jugendliche und Experten befürchten Rückschritt

„Jugendliche wollen intime Fragen zu Sexualität nicht mit der eigenen Lehrerin besprechen, die am nächsten Tag die Schularbeit kontrolliert. Es ist ein Skandal, wenn junge Menschen nun mit ihren Fragen, Ängsten und Unsicherheiten allein gelassen werden. Externe Vereine, für die sich Schulen frei entscheiden können, sind ein wichtiger Bestandteil von zeitgemäßer Aufklärung“, so Jakob Ulrich und Caroline Pavitsits, Vorsitzende der Bundesjugendvertretung unisono.

„In sexualpädagogischen Workshops entsteht schnell ein vertrauter Rahmen, in dem persönliche  Probleme und Fragen besprochen werden können. Über Sexualität zu reden übersteigt für manche Lehrpersonen persönliche Grenzen – das ist auch verständlich, weil ihre Rolle eine andere ist“, so Ingrid Lackner, Leitung des sexualpädagogischen Angebotes Abenteuer Liebe sowie der Stabstelle für Prävention gegen Missbrauch und Gewalt der Katholischen Kirche Steiermark.  

Bundesweites Statement und Petition

Das bundesweite Statement wird von zahlreichen Experten und Expertinnen sowie knapp 100 Institutionen und bundesweiten Netzwerken unterstützt. Darunter die Kinder- und Jugendanwaltschaft, die Pfadfinder und Pfadfinderinnen Österreichs (PPÖ), die Bundesjugendvertretung/Austrian Youth Council, die Österreichischen AIDS-Hilfen, das Netzwerwerk österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen, die Österreichische Gesellschaft für Familienplanung, SOS Kinderdorf Österreich, die Fachstelle NÖ für Suchtprävention und Sexualpädagogik, das Netzwerk sexuelle Bildung Steiermark, das Ehe- und Familienzentrum Feldkirch – und viele mehr. 

Nächste Woche soll der umstrittene Antrag im Unterrichtsausschluss behandelt werden. Anfang Juli könnte der Ausschluss von Sexualpädagogik-Vereinen aus Schulen mit den Stimmen von ÖVP und FPÖ in einer Sondersitzung des Nationalrats beschlossen werden. Die bundesweite Initiative startete heute eine Petition, um das zu verhindern unter dem Titel #redmadrüber: Initiative für eine qualitätsvolle Sexualpädagogik.

Weiterlesen:

Bundesweites Statement 

Petition #redmadrüber 

Frequently Asked Questions

Rückfragehinweis:

Plattform Sexuelle Bildung, plattform@sexuellebildung.at, 068184238958

Presseaussendung 14.5.2019

ExpertInnen fürchten um die Qualität der Sexualpädagogik in Österreich

Gespräche mit dem Ministerium dringend erforderlich

Wien (OTS) – Per Erlass kündigte das Bildungsministerium im März Clearingstellen zur Überprüfung von Sexualpädagogik-Vereinen an, nachdem der ultrakonservative Verein Teenstar für Aufregung sorgte. In Zukunft soll ein eigener Akkreditierungsrat die Zulassung an Schulen regeln. Nun melden sich sexualpädagogische Vereine, Institute und Fachstellen in einem offenen Brief an Bundesminister Heinz Faßmann gemeinsam zu Wort. Sie fürchten, dass falsche Informationen und moralisierende Inhalte weiterhin an Schulen verbreitet werden können, wenn sexualpädagogische Fachexpertise nicht berücksichtigt wird. „Nur wenn Expertinnen und Experten einbezogen werden, kann die Qualität der sexuellen Bildung für eine gesunde Entwicklung unserer Kinder zu selbstbestimmten Erwachsenen sichergestellt werden“, so die VerfasserInnen des Briefes.

„Die Kontrolle von fragwürdigen Vereinen wie Teenstar ist zwar gut, Geld für die Professionalisierung der Sexualpädagogik wäre aber besser“, ist Barbara Rothmüller, Sexualpädagogin und Vorstandsmitglied der Plattform Sexuelle Bildung, überzeugt. „In den letzten Jahren versucht die Bildungspolitik verstärkt Standards einzuführen und hat teilweise den Blick für die Bildungspraxis verloren“, sagt Rothmüller, die als Soziologin auch zu Bildungsreformen forscht. Das zeige sich auch in der Sexualpädagogik. „Wenn vor Ort – im Kindergarten, im Hort, in der Schule – die Kompetenz der Sexualpädagoginnen und -pädagogen so hoch geschätzt und nachgefragt wird, warum findet diese Fachkompetenz nicht Berücksichtigung bei der Gestaltung bildungspolitischer Maßnahmen?“ 

Professionalisierung in der Sexualpädagogik

Sexualpädagogische Fachkräfte begrüßen eine fachliche Debatte über die Qualität der sexuellen Bildung in Österreich: „Wir finden es sehr gut und wichtig, dass das Bildungsministerium genau hinschaut, wenn an Schulen nicht professionell gearbeitet wird“. Kontrollen alleine seien jedoch zu wenig, kritisieren Vereine sowie universitäre Expertinnen und Experten im Offenen Brief. Sie fordern die Einbindung sexualpädagogischer Expertise bei der Entwicklung von Qualitätskriterien und neuen Steuerungsformen. „Zu professionellen Kompetenzen gehören soziale Fähigkeiten, die man nicht in einem Kriterienkatalog vorschreiben kann, sondern die man in der Praxis als Sexualpädagogin und -pädagoge lernen muss. Das braucht Zeit und Geld, weshalb die Vereine und Expertinnen und Experten mehr Geld für Weiterbildung, Supervision und Forschung fordern. Sexualität zu dramatisieren oder sogar zu tabuisieren ist dabei nicht zielführend“, sagt Rothmüller und verweist auf internationale Forschungen, die zeigen, wie mit Körperidealen, intimen Beziehungen und Sexualität im Handlungsfeld Schule pädagogisch reflektiert umgegangen werden kann. „Kinder und Jugendliche brauchen eine kompetente Begleitung ihrer psychosexuellen Entwicklung – und dafür gibt es ausgebildete Spezialistinnen und Spezialisten in Österreich, nämlich Sexualpädagoginnen und -pädagogen, die auch Elternarbeit leisten und Lehrpersonen fortbilden“.

http://sexuellebildung.at/offener-brief-an-bundesminister-heinz-fassmann/